Noch gibt es Vorbehalte
Erstmals konservative Rabbinerin in Deutschland ordiniert

Noch nie wurde in Deutschland eine konservative Rabbinerin ordiniert. Deshalb war es eine Premiere, als jetzt im Großen Saal des Gemeindehauses der Jüdischen Ge-meinde zu Berlin das Zacharias Frankel College seine erste Absolventin zur Rabbinerin zum geistlichen Amt bestellte. Die bisher einzige konservative Gemeinde-Rabbinerin in Deutschland, Gesa Shira Ederberg von der Synagoge Oranienburger Straße in Berlin, wurde 2002 in Jerusalem ordiniert.

Nizan Stein Kokin, Jahrgang 1974, stammt aus Ittersbach in Baden-Württemberg und hat ihre Ausbildung als erste Absolventin des konservativen/Masorti Rabbi-nerseminars an der School of Jewish Theolo-gy der Universität in Potsdam abgeschlossen.

Der hebräische Begriff "Masorti" bedeutet "traditionell", und Gläubige, die sich dieser Ausrichtung des Judentums verbunden fühlen, stehen zwischen dem liberalen und dem orthodoxen Zweig ihrer Religion. Rabbiner Zacharias Frankel (1801-1875), dessen Namen das College in Berlin trägt, gilt vielen als Vordenker des Mittelwegs zwischen jüdischer Orthodoxie und klassischer jüdischer Reform-bewegung. Er war Gründungsdirektor des Jüdisch-Theologischen Seminars in Breslau, das von 1854 bis 1938 bestand.

Die Frauenordination ist im Judentum international seit Jahrzehnten üblich. Gegenwärtig gibt es etwa 1000 Rabbinerinnen weltweit - davon etwa 40 in Europa, und in den jüdischen Gemeinden in Deutschland wirken aktuell sieben Frauen im geistlichen Amt.

Deutschland war wegweisend bei der Frauenordination im Judentum. Weltweit erste ordinierte Rabbinerin war die Berlinerin Regina Jonas. 1935 erhielt sie ihre Smicha, doch 1944 wurde sie im KZ Auschwitz-Birkenau umgebracht. "Regina Jonas war Anfang 40, als sie in Auschwitz ermordet wurde.

Für mich hat das einen ganz persönlichen Bezug, weil ich auch gerade Anfang 40 bin, und ich hoffe, dass ich im Seelischen oder im Persönlichen in ihre Fußstapfen treten kann", sagt die neue Rabbinerin Stein Kokin.

Liturgie ist ihr wichtig.
Stein Kokin studierte zehn Semester Judaistik und lebte in dieser Zeit sieben Jahre lang in Israel. Danach war sie als Lehrerin in jüdischen Religionsschulen in den USA beschäftigt. Sie spricht neben Englisch und Deutsch auch fließend Hebräisch. Bewusst hat sie sich gegen eine akademische Karriere entschieden - auch mit Blick auf ihren amerikanischen Mann, einem Juniorprofessor für Judaistik, und ihre zwei schulpflichtigen Töchter.

Rabbinerin wollte sie auch werden, weil sie einerseits die jüdischen Gottesdienste und die Liturgie wichtig findet und andererseits aktiv im Gemeindeleben für die Menschen mitwirken will. Im Gespräch betonte sie: "Ich mache das, weil ich Gott, die Tora und das jüdische Volk liebe." Zu den Schwerpunkten ihrer Rabbinerinnen-Ausbildung in Potsdam, Berlin und Los Angeles zählten Bibel- und Talmudstudium, jüdisches Gesetz und Brauchtum sowie die praktische Ausbildung mit Seelsorgeseminaren. In die USA wird die neue Rabbinerin nach ihrer Ordination erst einmal zurückkehren, weil sie dort ein interessantes Jobangebot erhielt.

Offensichtlich haben es Rabbinerinnen in den jüdischen Gemeinden Deutschlands noch schwer akzeptiert zu werden. Rabbiner Walter Homolka vom Abraham Geiger Kolleg, der zugleich Geschäftsführer des Zacharias Frankel College ist, meint dazu: "Ich glaube, dass es Frauen in jüdischen Gemeinden schwer haben. Aber die Gleichberechtigung der Frau schreitet auch bei uns voran.

Diejenige, die sich für diesen Beruf entscheidet, muss sich darüber im Klaren sein, dass sie einen schweren Weg geht. Unser Ziel ist natürlich, dass das Rabbinat kein Prekariat wird, sondern dass Frauen diesen Beruf auch glücklich ausüben."
KNA

 

"Europa verrät seine christlichen Werte"
Europa darf sich nicht abschotten,sagt Jesuit und Fluchtexperte Frido Pflüger.

Von Steffen Zimmermann

Im katholisch.de-Interview erklärt er, was sich an der Situation etwa im Mittelmeer dringend ändern müsse.

Mit Verweis auf eine veränderte Sicherheitslage haben zahlreiche Hilfsorgansationen in den vergangenen Tagen ihre Seenotrettung auf dem Mittelmeer vorerst gestoppt. Pater Frido Pflüger beobachtet diese Entwicklung mit großer Sorge. Im Interview mit katholisch.de spricht der Direktor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes in Deutschland über mögliche Folgen für die Flüchtlinge, die in Afrika auf ihre Weiterreise nach Europa warten. Außerdem übt er scharfe Kritik an der Abschottungspolitik der Europäischen Union und empfiehlt stattdessen Uganda als Vorbild für den Umgang mit Flüchtlingen.

Frage: Pater Pflüger, in den vergangenen Tagen haben zahlreiche Hilfsorganisationen mit Verweis auf Angriffe der libyschen Küstenwache ihre Seenotrettung für Flüchtlinge auf dem Mittelmeer weitgehend eingestellt. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation?
Pflüger: Nachdem wir schon lange erleben, dass die Flucht nach Europa kriminalisiert wird, sehen wir jetzt mit großer Sorge, dass auch die Retter kriminalisiert werden. Das führt dazu, dass die libysche Küstenwache mit dem Segen der Europäischen Union mehr Kontrolle im Mittelmeer übernimmt - das lässt nichts Gutes erahnen. Europa stärkt damit auch eine Entwicklung, in der kriminelle Banden und Warlords immer mehr Macht über die libysche Küste bekommen.


Frage: Welche Folgen hat das für die Flüchtlinge, die noch in Libyen sind und auf ihre Überfahrt nach Europa hoffen?
Pflüger: Libyen hindert Flüchtlinge schon jetzt auf brutale Art und Weise an der Flucht nach Europa. Stattdessen müssen sie in Internierungslagern ausharren, in denen sie massiver Gewalt und Misshandlung ausgesetzt sind. Viele der Betroffenen wären in Europa übrigens asylberechtigt. Aber Europa tut alles, damit sie ihr Asylrecht hier nicht einfordern können.

So hilft der Jesuiten-Flüchtlingsdienst:

In Italien, wo weiterhin viele Flüchlinge ankommen, betreibt der Jesuiten-Flüchtlinsdienst unter dem Namen "Centro Astalli" mehrere Anlaufstellen für geflüchtete Menschen. Dort können die Betroffenen ein warmes Essen und andere Hilfen bekommen; für besonders Schutzbedürftige werden auch Notunterkünfte angeboten. Außerdem hilft der Flüchtlingsdienst bei der Suche nach einer Wohnung und einer Arbeitsstelle. In Deutschland bietet der Dienst Flüchtlingen unter anderem Rechtsberatung an, unterstützt sie in Kirchenasyl und Abschiebehaft und engagiert sich in der Berliner Härtefallkommission.

Frage: Welche Forderung haben Sie angesichts der aktuellen Entwicklung an die Politik?
Pflüger: Europa muss endlich aufhören, sich durch rücksichtslose Deals abzuschotten. Diese Abkommen zur so genannten Migrationskontrolle dienen nur dazu, uns in Europa die Flüchtlinge vom Hals zu halten. Die EU muss endlich sichere und legale Zugangswege ermöglichen. Dies würde nicht nur die Seenotrettung auf dem Mittelmeer überflüssig machen, sondern auch den Schleusern ihr Geschäft mit den Flüchtlingen entziehen.


Frage: Wie kann das konkret aussehen?

Pflüger: Eine erste Maßnahme wäre es, die gemeinsame europäische Seenotrettung mindestens auf den Umfang auszubauen, wie es Italien 2013 mit der Operation "Mare Nostrum" vorgemacht hat. Außerdem könnten Familienzusammenführungen, humanitäre Visa und großzügige Flüchtlingskontingente vielen Menschen die gefährliche Flucht über das Mittelmeer ersparen. Klar ist: Wenn 65 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht sind, kann einer der reichsten und wirtschaftsstärksten Kontinente der Welt nicht einfach abseits stehen. Mit ihrer momentanen Abschottungspolitik verrät die EU doch alle ihre humanistischen und christlichen Werte. Oder, wie Papst Franziskus es vor einiger Zeit ausgedrückt hat: Europa verliert seine Seele.

Frage: Hat Europa seine Seele in dieser Hinsicht nicht längst verloren? Bis heute streiten die EU-Mitglieder über die Verteilung der Flüchtlinge in Europa; ein solidarisches Miteinander ist nicht absehbar...
Pflüger:
In der Tat, auch wir vermissen die notwendige Solidarität innerhalb Europas. Zumal sich das geltende "Dublin-System", wonach ein Flüchtling in dem Staat, in dem er zum ersten Mal europäischen Boden betritt, Asyl beantragen muss, längst als ungerecht und völlig unbrauchbar erwiesen hat. Italien beispielsweise fühlt sich zu Recht von den anderen EU-Staaten im Stich gelassen. Wir brauchen dringend eine grundlegende und solidarische Reform des "Dublin-Systems".

Frage: Aber mit einer bloßen Änderung der Regeln in Europa ist es doch wohl nicht getan.
Pflüger: Da haben Sie völlig Recht! Seit Herbst 2015 versucht Europa panisch, Flucht und Migration aus Afrika zu unterbinden. Dabei wird der größte Teil der afrikanischen Flüchtlinge in Afrika selbst aufgenommen; allein in Ostafrika werden über vier Millionen Flüchtlinge und etwa sieben Millionen Binnenvertriebene beherbergt. Während Europa viel Geld für Abwehrmaßnahmen ausgibt, sind internationale Flüchtlingsprogramme für wichtige Aufnahmeländer wie Äthiopien, Kenia und Uganda dramatisch unterfinanziert. Wenn aber Flüchtlinge keine Sicherheit und Lebensper-spektive in Afrika finden, sind sie gezwungen, ihren Weg Richtung Europa fortzusetzen. Von einem Land wie Uganda könnte Europa viel lernen. Es weist Flüchtlingen Ackerland zu, erteilt ihnen eine Arbeitserlaubnis und gibt ihnen so die Möglichkeit, sich selbst zu versorgen. Damit hat Uganda eines der großzügigsten und nachhaltigsten Asylsysteme der Welt.

Frage: Noch einmal zurück zur aktuellen Frage der Seenotrettung. Müsste nicht auch die Kirche mit ihren Institutionen hier unmittelbarer selbst aktiv werden, um Menschen vor dem Ertrinken zu retten? Konkret gefragt: Könnte der Jesuiten-Flüchtlingsdienst die entstandene Lücke bei der Seenotrettung kurzfristig schließen?
Pflüger: Dazu sehe ich uns derzeit nicht in der Lage - und die Hilfsorga-nisationen haben ja auch nachvollziehbare Gründe genannt, warum sie sich aus der Seenotrettung zurückgezogen haben. Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst ist schon jetzt auf beiden Seiten des Mittelmeers aktiv und arbeitet dort direkt mit Menschen auf der Flucht zusammen. Darüber hinaus darf man nicht vergessen: Die mediale Aufmerksamkeit konzentriert sich zwar stark auf das Mittelmeer; das ist auch wichtig, weil dort Menschen unnötig sterben. Die Kirche und ihre Hilfsorganisationen sind aber noch an vielen anderen Orten aktiv, wo ebenfalls Menschen auf der Flucht sterben, wo es viele Medien in Europa aber sehr viel weniger interessiert: Auf den Fluchtwegen durch die Sahara etwa, oder bei den Flüchtlingen aus dem Südsudan, aus Somalia, dem Jemen oder Eritrea. Das sollte man trotz der Tragödie im Mittelmeer nicht aus dem Blick verlieren.

 

ECUMENE: GEMEINSAME REISE INS HEILIGE LAND

Als einen "bedeutsamen Schritt zur Versöhnung der beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland" haben der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm, und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, die gemeinsame Pilgerreise ins Heilige Land bewertet.

Zugleich riefen sie Religionen und Gesellschaft im Heiligen Land auf, einen Weg des Friedens und der Verständigung einzuschlagen. Zum Abschluss ihrer Reise veröffentlichten EKD und Deutsche Bischofskonferenz eine gemeinsame "Christusbotschaft": "Unsere gemeinsame Mission für unser Land ist noch nicht vollendet.

Wir sind zuversichtlich, dass das Christusfest 2017 zu einem glaubwürdigen Zeugnis für Gott wird und uns über dieses Jahr hinaus auf unserem Weg zur vollen sichtbaren Einheit stärkt", heißt es in dem gemeinsamen Papier.

"Auf dem Weg zu unseren gemeinsamen Wurzeln haben wir erlebt, wie unsere ökumenische Verbundenheit an Tiefe und Stärke gewonnen hat", sagte Kardinal Marx bei einem Pressegespräch in Jerusalem. "In der Begegnung mit den Heiligen Stätten haben wir gespürt, wie tief wir als Jüngerinnen und Jünger Jesu in seiner Nachfolge miteinander vereint sind." Erinnert worden seien sie aber auch daran, dass katholische und evangelische Christinnen und Christen einander in den vergangenen 500 Jahren viel angetan hätten. "Gemeinsam bitten wir Gott um Heilung dieser schmerzlichen Erinnerungen", so Kardinal Reinhard Marx.

Als schmerzlich haben die Teilnehmer der Pilgerreise durch das Heilige Land auch den ungelösten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern empfunden. Zugleich würdigten sie den Beitrag, den die im Heiligen Land lebenden Christinnen und Christen zum Gemeinwohl und für ein friedliches Zusammenleben mit Juden und Muslimen leisten. "Wir haben den Pilgerweg ins Heilige Land auch eingeschlagen, um uns zur Umkehr rufen zu lassen." Es sei Auftrag der Kirchen, "gemeinsam einzutreten gegen jegliche Form von Antisemitismus und Rassismus, die unsere Beziehungen vergiften und den Frieden gefährden", heißt es in dem gemeinsam veröffentlichten Text. "Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hat viele Verlierer auf beiden Seiten. Die fortgesetzt auftretende Gewalt zeigt, wie zerbrechlich der Frieden ist, den dieses Land so dringend braucht."


Nahe gegangen sei den Delegationen auch, dass nur wenige Kilometer vom See Genezareth entfernt in Syrien und auch im Irak Menschen leiden und sterben, berichteten Bedford-Strohm und Marx: "Für sie haben wir in unseren Gottesdiensten gebetet, denken auch weiterhin mit großer Sorge an sie und bleiben ihnen solidarisch verbunden."


Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm bezeichnete die Reise als eine "unvergessliche Erfahrung", durch die die evangelischen und katholischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer die jeweils andere Tradition noch besser verstanden hätten:

"Wir haben gelernt, mit den Augen des anderen zu sehen. Das ist eine ganz starke Grundlage für den ökumenischen Geist des Reformationsjubiläums", so der bayerische Landesbischof.

"Bei der Feier von Eucharistie und Abendmahl haben wir aber auch gespürt, dass die versöhnte Verschiedenheit ein anspruchsvolles Ziel ist. Es ist ein Schmerz, wenn die tiefgefühlte Gemeinschaft nicht auch am Tisch des Herrn ihren Ausdruck finden kann."

Auf dem Pilgerweg durchs Heilige Land hatte die gemeinsame Delegation von jeweils neun Vertretern der beiden Kirchen biblische Stätten am See Genezareth, auf dem Weg nach und in Jerusalem besucht.

Außerdem führten sie Gespräche mit Vertretern aus Kirche und Politik. Dabei wurden sie unter anderem von Israels Staatspräsident Reuven Rivlin und dem Botschafter Palästinas beim Heiligen Stuhl, Issa Qassassieh, empfangen.

Die Delegation besuchte auch die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und gedachte der Millionen Juden, die in der Shoah ermordet wurden. Die gemeinsame Pilgerreise der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der EKD endet mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Jerusalemer Dormitio-Abtei.

Auf dem Tempelberg die Brustkreuze versteckt - Forderung des Imam - und sie haben nachgegeben.

 

In Yad Vashem mit Brustkreuzen - kein Israeli hat verlangt sie zu verstecken: kleine aber wichtige Unterschiede

wie man mit Gästen umgeht.

KNA-Nachrichten

Die Türkei wird ein immer schwierigerer Ort für Christen

Liebe Leserinnen und Leser,

unter Präsident Recep Tayyip Erdogan wird die Türkei für Christen ein zunehmend unangenehmer Aufenthaltsort. Im Interview mit katholisch.de erklärt Timo Güzelmansur, wie schwierig die Lage der Christen dort wirklich ist. "In der Türkei gibt es eine Kultfreiheit - die Christen dürfen also ihren Glauben innerhalb der Kirchenmauern ausüben. Alles weitere, was noch mit echter Religionsfreiheit verbunden wäre, bleibt ihnen jedoch verwehrt.", sagt er.
"Keine Sympathie für Christen"

 

Zuletzt häuften sich Berichte über Kirchenschließuungen und Enteignungen. Darin wird eine ablehnende Haltung gegenüber dem Christentum deutlich, sagt Timo Güzelmansur. Der Theologe leitet die Stelle für christlich-islamischen Dialog der Deutschen Bischofskonferenz. Im Interview erklärt er, wie schwierig die Lage der Christen in der Türkei wirklich ist.

Frage: In letzter Zeit häufen sich Nachrichten über Kirchenschließungen in der Türkei. Ist das Zufall oder steckt dahinter ein System?
Timo Güzelmansur: Einen direkten Zusammenhang gibt es wohl nicht, aber ich beobachte eine Tendenz in der türkischen Politik gegenüber christlichen Kirchen. Die Türkei fährt meines Erachtens eine doppelte Strategie: Einerseits tut man so, als ob die Christen in der Türkei nichts zu befürchten hätten und die staatlichen Behörden für sie ein offenes Ohr haben. Andererseits werden Kirchen und kirchliche Gebäude systematisch konfisziert, wie in Bursa und Diyarbakir. Es kann zwar sein, dass nach den monatelangen Kämpfen zwischen Kurden und türkischen Sicherheitskräften die Lage in der zerstörten Altstadt von Diyarbakir prekär ist. Aber ob der Staat die deswegen enteigneten Gebäude jemals zurückgeben wird, ist nicht ausgemacht. In Bursa gibt es gar keine Kämpfe gegen die Kurden, die Regierung schiebt andere Gründe vor, um ihr Vorgehen zu rechtfertigen.

Frage: Wie stellt sich die Lage der Christen in der Türkei dar - können sie ihren Glauben frei leben?
Güzelmansur: In der Türkei gibt es eine Kultfreiheit - die Christen dürfen also ihren Glauben innerhalb der Kirchenmauern ausüben. Alles weitere, was noch mit echter Religionsfreiheit verbunden wäre, bleibt ihnen jedoch verwehrt. Es gibt keine Möglichkeit Theologen oder Priester auszubilden. Das Priesterseminar des Ökumenischen Patriarchats ist seit Jahrzehnten geschlossen. Obwohl die Regierung mehrmals beteuert hat diese Bildungseinrichtung öffnen zu wollen, ist das bis heute nicht geschehen.

Frage: Die christlichen Gemeinden und Kirchen in der Türkei haben keinen "geregelten Rechtsstatus" - was heißt das genau?
Güzelmansur: Keine Kirche oder christliche Gemeinde ist als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt. Sowohl die griechisch-orthodoxe, die armenisch-orthodoxe als auch die katholische Kirche haben Probleme, was die Ausbildung des Priesternachwuchses aber auch Einstellung von Personal angeht. Die fehlende Rechtssicherheit zeigt sich beispielsweise im Falle des 2006 in der Kirche von Trabzon Ermordeten Priesters Don Andrea Santoro. Die katholische Kirche konnte sich nicht an dem Prozess beteiligen, weil sie juristisch keine Rechtsperson ist. Es gibt weitere Schwierigkeiten unterschiedlichen Grades: Wenn die katholische Kirche einen Priester oder Ordensmann/-frau aus dem Ausland beschäftigen möchte, dann bekommt diese Person keine Aufenthaltserlaubnis, Arbeitserlaubnis oder keine Verlängerung derselben. Man lebt in einem permanenten, ungewissen Zustand.

Frage: Wie viele Christen gibt es in der Türkei und welchen verschiedenen Konfessionen gehören diese an?
Güzelmansur: Es ist schwierig eine exakte Zahl an Christen in der Türkei anzugeben. Bei einer Einwohnerzahl von circa 75 Millionen gibt es etwa zwei Prozent Christen. In der Türkei finden wir fast die ganze Bandbreite der christlichen Konfessionen: griechisch-orthodox, armenisch-orthodox, syrisch-orthodox, syrisch-katholisch, armenisch-katholisch. Außerdem gibt es Chaldäer, Maroniten, Anglikaner und diverse protestantische Gemeinden und evangelische Freikirchen.
"Türkei steht in der Verantwortung"
Mit Sorge haben die deutschen Bischöfe die Verstaatlichung einiger Kirchen in der Türkei zur Kenntnis genommen. Sie fordern die Regierung auf, die Religionsfreiheit strikt zu beachten.

Frage: Wie funktioniert das Zusammenleben zwischen Muslimen und Christen?
Güzelmansur: Es gibt nur wenige Städte, wo Christen heute ganz offen in der Türkei leben. An diesen Orten gibt es eine lange Tradition des Zusammenlebens wie zum Beispiel in Antakya im Süden der Türkei. Hier kennt man sich und gratuliert sich gegenseitig zu den Festen. Die staatlichen Autoritäten rühmen sich mit der religiösen Vielfalt. Dennoch dürfen Christen nur mit einer Erlaubnis Gottesdienst in der Petrusgrotte feiern.
In der jüngsten Zeit grassiert in der Türkei außerdem ein Nationalismus, der vieles, was nicht islamisch ist und eindeutig zum "Türkentum" gehört, zum Feind erklärt und gar als Spionage der ausländischen Mächte ansieht. Es gibt in weiten Teilen der Bevölkerung keine Sympathie für Christen.

Frage: Derzeit hat man den Eindruck, dass die Türkei ihre informelle Machtstellung wegen des Flüchtlingsabkommens mit der EU politisch ausnutzt. Leiden darunter auch die Christen vor Ort?
Güzelmansur: Das Abkommen der EU mit der Türkei ist ein herber Schlag - weniger für Christen, dafür umso mehr für viele Menschen in der Türkei, die mit der türkischen Politik und den jüngsten Entwicklungen nicht einverstanden sind. Die Menschen fühlen sich von der Europäischen Union verraten, da diese Präsident Erdogan hofiert, der in der Türkei beinahe alle europäischen Werte missachtet und jede oppositionelle Stimme zu unterdrücken versucht. Das macht den Christen nicht gerade Hoffnung auf bessere Zeiten in der Türkei. Aber die Christen haben in diesem Land schon schlimmere Zeiten hinter sich gebracht. Das werden sie auch überstehen.

In den vergangenen Monaten wurden in der Türkei in mehreren Städten Kirchen verstaatlicht: Erst am vergangenen Donnerstag ließ die Meldung aufschrecken, dass der türkische Staat das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel enteignen will.
Bereits geschehen ist das mit dem orthodoxen Kloster auf der Insel Chalki.
Auch in Diyarbakir und der westtürkischen Stadt Bursa gab es seit Anfang des Jahres ähnliche Entwicklungen.

Von Gabriele Höfling KNA April 2016

 

 

FLÜCHTLINGE

Die Zahl der Flüchtlinge, die in Deutschland ankommen, wächst immer weiter. Die Bundesländer und die Kommunen werden in diesem Jahr ihre finanziellen und personellen Anstrengungen verdoppeln müssen, um ihren Pflichten bei ihrer Unterbringung, ihrer Betreuung und Versorgung nachzukommen. Sie müssen kurzfristig weitere Flüchtlingsunterkünfte aufbauen und die Betreuung der Menschen organisieren. Die Ministerpräsidenten. die Vertreter der kommunalen Spitzenverbände und Bürgermeister gleich welcher Parteizugehörigkeit fordern zu Recht eine höhere finanzielle, materielle und personelle Beteiligung des Bundes an dieser Aufgabe. Besonders in den Kommunen sind die unmittelbar beauftragten Mitarbeiter bereits jetzt, so kann man lesen, bis an ihre Leistungsgrenze belastet.

Vor diesem Hintergrund machen Meldungen über Proteste und Gewalttaten vor aktuellen oder zukünftigen Flüchtlings-unterkünften nachdenklich. Die Statistik verzeichnet bis heute über 150 solcher Übergriffe im ersten Halbjahr 2015. Zu den jüngsten gehören die gewaltsamen Proteste in der Dresdner Friedrichstadt, bei der Worte und Böller. Flaschen und andere Gegenstände flogen, bei Leipzig haben Unbekannte auf eine Unterkunft geschossen, bei Ingolstadt brannte eine geplante Asylunterkunft. Die Liste lässt sich noch lange fortsetzen.

Es ist richtig, dass deutsche Bischöfe und Kirchengemeinden, geweihte und nicht-geweihte Christen unmissverständlich ihre Stimme gegen Gewalt erheben. "Wir beugen uns nicht der Gewalt. Wir anerkennen die Verpflichtung einer wohlhabenden

Gesellschaft. Flüchtlingen zu helfen", stellt Bischof Norbert Trelle klar, in der Deutschen Bischofskonferenz für Migrationsfragen zuständig. Wer angesichts der jüngsten Vorkommnisse schweigt oder wegsieht, der verrät die christliche Werteordnung. "Nicht ein Hauch eines Zweifels ist erlaubt: Wo Flüchtlinge bedroht sind steht die Kirche an ihrer Seite". mahnt ihr Vorsitzender Kardinal Reinhard Man.

Die Taten christlicher Gemeinden in ganz Deutschland unterstreichen diese Worte.

Wer sich die Berichte auf der Internetseite www.aktion-neue-nachbarn.de anschaut, erhält einen Eindruck von den Aktionen, die von katholischen Gemeinden. aus religiösen Gemeinschaften. Verbänden und Initiativen ausgehen.

Dieser Nächstenliebe kann sich jeder Christ gerne anschließen oder einen eigenen Beitrag leisten. Das ist der Ausdruck einer "Willkommenskultur", zu der Kardinal Rainer Maria Woelki seit 2014 aufruft.

Deshalb ist es neben dem Protest gegen Übergriffe auf Flüchtlinge und ihre Unterkünfte für das gesellschaftliche Klima in Deutschland auch wichtig, daran zu erinnern, zu welchen helfenden Anstrengungen Mitbürger bis heute für Flüchtlinge und Asylsuchende bereit sind.

Bernhard Raspels, KZKöln


 

STIMMEN ZUR STERBEHILFE

Der Spiegel konstatierte: "Es geht nicht um den schnellen, einfachen Ausweg. Auch eine liberale Gesellschaft ist gut beraten, hohe Hürden zwischen dem ersten Todeswunsch und der tatsächlichen Sterbehilfe zu errichten.

Oft ist dieser Wunsch bei Patienten nicht nachhaltig, oft ändern sie ihre Meinung, wenn sie mit jemandem über ihre Ängste reden können - vor allem wenn ihnen Perspektiven aufgezeigt werden, wie ein würdevoller Lebensabend gelingen kann.

Dazu müsste der Staat weit mehr in Hospize und die schmerz-lindernde Palliativmedizin investieren, aber ein würdiger Tod ohne Sterbehilfe scheitert in Deutschland bislang auch am Geld. (...)

Ein Verfahren, das Ärzten wie Patienten gerechter würde, könnte die Schaffung vieler kleiner Ethikräte sein: in jeder Kommune - besetzt mit Ärzten, Psychologen, Seelsorgern, Juristen, staatlich legitimiert, aber nicht kontrolliert. (...) Ethikräte könnten eher leisten, was Bundesregierung oder Bundestag niemals leisten können: dem einzelnen Schicksal gerecht zu werden. (...)

Am Ende stünde ein Rat, auf den sich der Arzt berufen könnte. Moralisch wie juristisch. Auch dies wäre keine eindeutige Lösung. Aber pauschale Regelungen verbieten sich, wenn es um die letzten und heikelsten Fragen des Lebens geht."

Die Welt führte aus: "In der Diskussion über die Sterbehilfe gibt es noch ein anderes Argument.

Es ist im Grunde ein Versprechen. Versprochen wird, dass mit einer bestimmten Erweiterung der Medizin das qualvolle Sterben in ein friedliches Sterben überführt werden kann - und so die Option des Suizids überflüssig wird. Diese Erweiterung soll die Palliativmedizin bieten.

Seit in Deutschland die Gesetzesinitiative für den assistierten Suizid unterwegs ist, ist das Wort ‚palliativ' in aller Munde - bis hinauf zum Gesundheitsminister und zur Bundeskanzlerin. Mit diesem Wort wird eine sanfte medizinische, pflegerische, soziale und spirituelle Begleitung verbunden, die es ermöglichen soll, alle qualvollen Sterbeprozesse zu vermeiden. (...)

So bleibt am Ende doch die Gefahr eines qualvollen Todes bestehen. Gegenüber dieser Gefahr ist der assistierte Suizid ein begründbarer letzter Ausweg. Die Mehrzahl der Menschen wird nicht in die Lage kommen, von dieser Ultima Ratio Gebrauch zu machen.

Und doch ist das Bestehen dieser Option von entscheidender Wichtigkeit für alle Menschen - als eine Schutzvorrichtung, damit dem Ende des Lebens nicht ein für alle verbindlicher und überwachter Zwangsverlauf verordnet wird.

Die Entscheidung über das richtige Sterben muss der Privatsphäre der Menschen anvertraut bleiben, und das bedeutet nicht, sie allein zu lassen. Viel eher wird es den Wert von Ehe, Familie und guten Freunden erhöhen."

Die Mittelbayerische Zeitung betonte:

"Das Gefühl, den eigenen Tod vor Augen zu haben, lässt sich nicht wirklich simulieren. Das macht Antworten so schwierig.

Aufgabe der Gesellschaft ist es, todkranke Menschen bestmöglich palliativ zu begleiten.

Dazu braucht es geeignete Pflegekräfte und ausreichend Plätze in Hospizen und Palliativstationen.

Kein Sterbender sollte sich den Tod herbeiwünschen, weil er schlecht versorgt ist.

Erst danach kann man über einen ärztlich begleiteten Suizid nachdenken. Der Weg dahin ist lang."